(Üb-)Erlebnisse mit der Deutschen Bahn

Eine Verkettung ungünstiger Umstände oder schlichtweg überfordert? Die Erlebnisse einer einzigen Bahnfahrt zwischen Hamburg und Goslar werfen kein gutes Licht auf die Deutsche Bahn...
 

Abenteuer Deutsche BahnNun wissen wir ja alle, dass die Bahn manchmal etwas Sand im Getriebe hat. Und es ist durchaus möglich, dass es äußere, tatsächlich von der Bahn unverschuldete Einflüsse sind, die den Betriebsablauf beeinträchtigen. Beispielsweise ein Hauch von Schnee auf den Gleisen. Oder ein Grashalm, der unerlaubt in eine Weiche hineingewachsen ist. Tragisch wird es, wenn die Bahn selbst durch maximales Unvermögen alles nötige dafür tut, um möglichst überfordert zu erscheinen. Anders lässt sicih nicht erklären, was ich an einem Herbst-Sonntag im Jahr 2003 erleben durfte.

An jenem Tag findet man sich nach einem nächtlichen Ausflug morgens gegen sieben Uhr müde und erschöpft im Hamburger Hauptbahnhof ein, um die nächstmögliche Verbindung in die Heimat - sprich: Goslar am Harz - zu nutzen. Einziges Kriterium: Nahverkehr soll es sein, um das günstige Wochenend-Ticket nutzen zu können. Dafür spuckt der Computer eine Verbindung "Hamburg - Uelzen - Hannover - Goslar" aus, eine recht überschaubare Nahverkehrsstrecke mit zwei Umstiegshalten. 10 Minuten Umstiegszeit in Uelzen, 20 Minuten in Hannover. Das müsste als Puffer eigentlich reichen. Zahlen gemerkt? Okay, los geht's.

Fahrplangetreu soll der erste Zug um 7:52 Uhr Hamburg verlassen. Klappt aber schon mal nicht, der Zug kommt verspätet aus Uelzen. Die Verspätung ist minimal und liegt knapp innerhalb der Zeit, die mir in Uelzen zum Umsteigen zur Verfügung steht. Wird eng.

Kaum setzt sich der Zug in Bewegung, beginnt die Bahn umgehend mit jenem Spielchen, welches dem Nahverkehrsreisenden deutlich machen soll, dass man ja nur noch Mensch zweiter Klasse ist: alle schnelleren Züge haben Vorfahrt. So überholt mich ein ICE oder IC nach dem anderen, während mein kleiner Nahverkehrszug brav auf den verkrauteten Gleisen mir gänzlich unbekannter Provinzhaltepunkte wartet. Durch die 10-minütige Verspätung kommt der Fahrplan etwas durcheinander, was dazu führt, dass uns noch mehr Züge als sonst überholen dürfen. Und dies führt wiederum dazu, dass unsere Verspätung noch mehr zunimmt.

In Zahlen heißt das: auf der kurzen Strecke bis nach Uelzen büßen wir 40 Minuten ein. Entgegen der Aussage der Schaffnerin ("Sie bekommen Ihre Anschlusszüge in Uelzen!") sind in Uelzen dann natürlich traditionell keine Anschlüsse mehr da. Ich denke, dass die Bahn solche Aussagen ohnehin nur aus psychologischen Gründen trifft, um die Fahrgäste zweiter Klasse prophylaktisch ruhig zu stellen, bis man am am Zielbahnhof vor vollendeten Tatsachen steht. Tatsachen, die auch dem Service-Personal immer nur Kommentare wie "Ich kann ja schließlich auch nichts dafür." entlocken. Denn grundsätzlich - so ist es mit ziemlicher Sicherheit in jeden Eisenbahner-Arbeitsvertrag geschrieben - ist bei der Bahn niemand für irgendwas verantwortlich. Außer jener Mitarbeiter namens "Höhere Gewalt", aber der macht seinen Job ehrenamtlich ohne Vertrag.

Das vertragsgebundene Personal in Uelzen jedenfalls ist sichtlich erfreut darüber, dass etwa 60 bis 70 Menschen alle auf einen Schlag neue Bahnverbindungen für ihre Anschlusszüge benötigen. Was wiederum bei den Service-Menschen eine eindrucksvolle Kreativität freiwerden lässt. So bekommen mehrere Fahrgäste, die alle eigentlich nur nach Hannover wollten, vom Computer unterschiedliche Weiterfahrmöglichkeiten angeboten. Jeder separat für sich, also "Person A fährt besser mit Zug A" und "Person B besser mit Zug B". Ich bin überfragt, wieso ein Computer, dem man Ausgangs- und Zielorte ohne weitere Bedingungen jedes Mal identisch vorgibt, jedes Mal andere Verbindungen ausspuckt. Vermutlich steckt dahinter ein mathematisch ausgeklügeltes System zur flächendeckenden Lastenverteilung der Fahrgäste auf die Züge, um marode Brückenbauwerke nicht übermäßig zu beanspruchen.

Meine Verbindung sieht einen Anschluss über Hannover und Kreiensen vor. Kreiensen liegt - geografisch als auch bahntechnisch betrachtet - überhaupt nicht auf meiner Route. Und dieser Weg beansprucht auch etwa 45 Minuten mehr als die alternative Direktverbindung Hannover - Goslar, welche sich den ausgedruckten Fahrtabellen rund um den Service-Point entnehmen lässt. Meine Rückfrage, warum nicht die kürzere und schnellere Verbindung vorgeschlagen wird, ergibt bis auf ein etwas verwirrtes Schulterzucken und dem Kommentar "Ja, ginge auch..." keine weiteren Erklärungen. Ich beschließe daraufhin, auf eigenes Risiko eher auf meine eigene Fähigkeit, Fahrplantabellen lesen zu können, zu vertrauen und die Ratschläge des Servicepersonals fortan zu ignorieren.

Um 10:09 Uhr - exakt eine Stunde und vier Minuten später als eigentlich geplant - geht es dann von Uelzen nach Hannover weiter. Und - das halte ich für erwähnenswert - dieser Zug ist sogar um 11:15 Uhr pünktlich in Hannover (die bereits akzeptierte einstündige Verspätung mal außen vor).

Von Hannover aus sollte es ursprünglich mit einem Regionalexpress um 10:35 Uhr nach Goslar weitergehen, aber der war bereits ohne mich auf dem Weg in die Heimat. Zum Glück fahren die Züge zwischen Hannover und Goslar stündlich, so dass ich auf die Regionalbahn um 11:34 Uhr ausweichen kann. Und dieser Zug steht dann auch pünktlich abfahrbereit am Bahnsteig. Die Abfahrttafel zeigte ordnungsgemäß mit "via Hildesheim, Goslar nach Bad Harzburg" die richtig Route an. Als mittlerweile wieder halbwegs besänftigter Fahrgast mit zart entflammter Hoffnung auf die planmäßige Ankunft in Goslar um 12:54 Uhr (einstündige Verspätung durch das Uelzen-Syndrom bereits akzeptiert) lasse ich mich auf die harten Kunstledersitzbänke - Nahverkehrsrelikte der 70er Jahre - plumpsen. Es ertönt der Pfiff, die Türen schlagen zu, der Zug setzt sich langsam in Bewegung.

Und dann - als es kein Entrinnen mehr gibt für die Fahrgäste - rückt der Zugbegleiter über die krächzende Sprechanlage mit der schrecklichen Wahrheit raus: "Liebe Fahrgäste, willkommen in der Regionalbahn 08/15 nach Hildesheim..."

BITTE? Hildesheim? Was ist mit dem Rest der Strecke? Gibt’s nicht mehr, zumindest heute nicht. Wegen Baumaßnahmen bietet die Bahn zwischen Hildesheim und Salzgitter-Ringelheim einen Schienenersatzverkehr an; die Züge enden in Hildesheim.

Wie ein Häufchen Elend sackt man in sich zusammen. Habt ihr schon mal einen Schienenersatzverkehr mitgemacht? Es ist grausam! Da der Ersatzverkehr selbst bei lange im Voraus geplanten Bauarbeiten die Bahn grundsätzlich völlig unerwartet trifft, sind die Busse in der Regel die ältesten, die sich noch irgendwo auftreiben ließen. Und sie fahren parallel zur Bahnstrecke die Stationen ab, natürlich stets mit möglichst großen Umwegen, damit man auch was von der Landschaft sieht. Auf der verbleibenden, recht kurzen Strecke zwischen Hildesheim und Salzgitter-Ringelheim würde ich mit dieser Form von ungewollter Freizeitaktivität locker wieder eine Stunde verlieren.

Ich steige also in Hildesheim aus und begebe mich mit hängenden Schultern und sichtlich mitgenommen zum Busbahnhof. Freundlich und offenbar tatsächlich von seiner Argumentation überzeugt macht mich der Zugbegleiter sogar noch darauf aufmerksam, dass diese Aktion ohne Stress über die Bühne geht, da in Hildesheim großzügigerweise eine gewisse Aufenthaltsdauer mit eingeplant sei. Ganz offensichtlich glaubt dieser Mann, dass man sich über eine Aufenthaltsdauer freuen kann - obwohl man wartend in jenem Zug sitzt, der einen eigentlich möglichst schnell direkt nach Hause bringen soll. Vielleicht ist dies aber auch nur eine besondere, mir unbekannte Art von Humor. Auch in Salzgitter-Ringelheim, eigentlich nur noch ein paar Minuten von Goslar entfernt, würde es natürliche eine freundliche Aufenthaltsdauer geben... Kruzifix! Wenn schon Schienenersatzverkehr, dann doch bitte bis direkt nach Goslar.

Ironischerweise gibt der Zugbegleiter mir auch noch bekannt, dass man nur die Regionalbahnen durch Busse ersetzt; die Regionalexpress-Züge zwischen Hildesheim und Goslar dürften dagegen sehr wohl fahren durften. Durch die Baumaßnahmen sei die Strecke halt nur sehr eingeschränkt befahrbar. Dem aufmerksamen Leser wird jetzt sicherlich schon was dämmern... Ich sitze in der Regionalbahn ab Hannover um 11:34 Uhr, weil ich den Regionalexpress um 10:35 Uhr aufgrund der Verspätung in Uelzen nicht mehr erreichen konnte. Wäre ich in Uelzen durchgekommen, hätte es auch in Hildesheim geklappt. In solchen Momenten kapituliert man vor den Schlägen, mit denen das Schicksal auf einen eindrescht.

Ingesamt muss ich also zwei Stunden Verspätung in Kauf nehmen. Jedoch scheint eine höhere Macht Mitleid zu haben und erinnert die Bahn an ein altes Sprichwort: ein Zug kommt selten allein - zu spät.

Mit der Ankunft in Hildesheim gegen 12 Uhr - der Zugbegleiter hatte mir die Busanschlüsse mittlerweile mehrfach diktiert, also wolle er immer nur noch mehr Salz in die Wunde streuen - mache ich mich auf den Weg zum Busbahnhof. Doch was steht da auf einem etwas abgelegeneren Gleis? Der Regionalexpress, der Hannover bereits um 10:35 Uhr verlassen hatte, also jener Zug, denn ich durch die Verspätung in Uelzen nicht mehr bekommen hatte! Und jener hat auf der kurzen Strecke zwischen Hannover und Hildesheim ebenfalls eine Rekord-Verspätung von weit über einer Stunde eingefahren, weshalb ihn meine unterprivilligierte Regionalbahn einholen konnte. und wir erinnern uns an die goldenen Worte des Zugbegleiters: die Regionalexpress-Züge werden bis Goslar durchgelassen. Wenn es so etwas wie einen Gott dort oben gibt, dann spielt der offenbar auch gerne Eisenbahn.

Warum die Bahn in Hildesheim über die Lautsprecher trotzdem weiterhin den Schienenersatzverkehr ankündigt, obwohl der etwa um eine Stunde schnellere Zug abfahrbereit auf Gleis 1 steht, bleibt schleierhaft. Wahrscheinlich hat im Bahnhof einfach niemand mitbekommen, dass da immer noch ein verlorener Zug steht. Kann ja mal vorkommen bei so viel Zügen.

Und jener Regionalexpress fährt dann tatsächlich unmittelbar ab - mit einer generellen Verspätung von nur etwa etwa 80 Minuten - und kommt, ohne weitere Verzögerungen,in Goslar an. Sind wir mal ehrlich, was sind in unserer schnelllebigen Zeit schon 80 Minuten? Man sollte nicht so kleinkariert sein. Es heißt doch nicht umsonst, der Weg sei das Ziel. Bestimmt ist dieser Slogan einst in der Marketing-Abteilung der Deutschen Bahn erfunden worden.